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Optimierte Diagnostische Pfade für „Cancer of Unknown Primary“

Die Diagnostik von onkologischen Patient:innen mit unbekanntem Primärtumor ist optimierbar. Entscheidend ist unter anderem ein aktives radiologisches Mitwirken im digitalen multidisziplinären Tumorboard.

Journal:

British Journal of Radiology 2025;98(1175):1970–1976

Titel:

Optimizing diagnostic pathways through digital multidisciplinary team management of patients with cancer of unknown primary: a retrospective analysis

Autor: 

Jeroen Willemse et al.
Zur Originalstudie


Kommentar Prof. Andreas Schreyer, Brandenburg/Havel

„Aus radiologischer Sicht unterstreicht die Studie die Bedeutung einer spezialisierten Zweitbefundung. (...) Die in der vorliegenden Studie beobachtete Diskrepanzrate von 9-13% erscheint im Vergleich zu den Metaanalysen zwar moderat, ist jedoch angesichts der hohen Komplexität von CUP-Fällen klinisch durchaus relevant.“

(RöFo online 25.6.2026)


Hintergrund: Schlechtere Prognose bei unbekanntem Primärtumor

Etwa 2–5% aller onkologischen Neuerkrankungen sind metastasierte Krebserkrankungen, für die trotz leitliniengerechter Diagnostik kein Primärtumor identifiziert wird – so genannte „Cancer of Unknown Primary“ (CUP). Diese Tumoren haben meist eine schlechte Prognose.

Diagnostische Pfade sind für solche Fälle häufig wenig strukturiert. Oft werden die betroffenen Patient:innen zwischen verschiedenen Tumorboards hin- und herüberwiesen, was zu Zeitverlusten und unnötigem Ressourcenverbrauch führt. 

Eine Arbeitsgruppe am Netherlands Cancer Institute, Amsterdam, optimierte daher am CUP-Zentrum ihrer Klinik der Maximalversorgung ihren CUP-Workflow. Jeroen Willemse et al. untersuchten die Auswirkungen der zentralen Neuerungen:

  • Zweitbefundung aller von Zuweiser:innn mitgebrachten Bildgebungs- und Pathologiebefunde 
  • digitales, kurzfristig einberufenes multidisziplinäres Tumorboard mit Teilnehmenden aus Onkologie, Radiologie, Nuklearmedizin und Pathologie
     

Methodik der retrospektiven Single-Center-Studie

Willemse et al. verglichen die Auswirkungen dieser Workflow-Änderung anhand von 80 Patient:innen mit CUP: 

  • 39 in der Benchmark-Phase (Mai 2021 – April 2022) 
  • 41 nach Workflow-Optimierung (Dez 2022 – Nov 2023)

Wesentliche untersuchte Parameter:

  • Zeit bis zur Diagnose bzw. Therapieeinleitung
  • Diagnostischer Mehrwert
  • Auswirkung radiologischer Zweitbefundung 
  • Zufriedenheit der Tumorboard-Mitglieder

Zweitbefunde wurden als relevant gewertet, wenn zusätzliche Tumorlokalisationen oder ein möglicher Primärtumor entdeckt wurden, der im Ausgangsbefund nicht genannt war.
 

Wesentliche Ergebnisse

Der Anteil der Zweitbefundungen externer Untersuchungen stieg von 51% auf 97%. Zwei Drittel (68%) dieser Zweitbefundungen wurden durch spezialisierte Mitglieder des multidisziplinären Tumorboards für CUP erstellt. 

Relevante Zusatzbefunde fanden sich bei 13% der CT- und 9% der PET/CT-Zweitbefundungen, darunter fünf neu identifizierte mögliche Primärtumoren. 

Die mediane Zeit bis zur finalen Diagnose oder Therapie sank von 36 auf 28 Tage (p = 0,07). Bei Patient:innen mit mehreren Zusatzuntersuchungen war die Verkürzung signifikant (p = 0,04). 

Ein Primärtumor wurde in 61% versus 49% der Fälle festgestellt (p = 0,37). 

Die interdisziplinäre Kommunikation verbesserte sich deutlich, besonders aus Sicht der Radiologen, die im geänderten Workflow stärker in die diagnostische Entscheidungsfindung involviert waren. Ihre Zufriedenheit auf einer fünfstufigen Skala stieg von 2,3 auf 4,9.
 

Fazit

Ein strukturierter CUP-Workflow mit routinemäßiger, spezialisierter Zweitbefundung und digitaler Diskussion im multidisziplinären CUP- Tumorboard verbesserte Effizienz, Kommunikation und vermutlich auch die Primärtumordetektion. 

Wegen des retrospektiven Designs, der kleinen Kohorte und der hochspezialisierten Ressourcen des Zentrums sind die Ergebnisse jedoch nur begrenzt generalisierbar. Prospektive Studien zu klinischen Langzeiteffekten fehlen.
 

Klinische Relevanz

Für Radiologen unterstreicht die Arbeit den konkreten Mehrwert einer onkologisch fokussierten Zweitbefundung: In etwa jedem zehnten bis achten reevaluierten CT bzw. PET/CT ergab sich eine klinisch relevante Zusatzinformation. Entscheidend sind die Integration von Klinik, Pathologie und Vorbefunden sowie ein aktives radiologisches Mitwirken im digitalen multidisziplinären Tumorboard. 

In Deutschland sind zudem Vergütung und rechtliche Rahmenbedingungen externer Zweitbefundungen zu beachten.