
Verbesserte Diagnosekriterien verkürzen die Zeit bis zur Diagnosestellung der Multiplen Sklerose. Sie ermöglichen so eine frühere Therapie und eine bessere Prognose.
Präsentationstag: | 15.5.2026 |
|---|---|
Autor: | mh/ktg |
Sprecher: | Cordula Scherlach (Leipzig) |
Quelle: | RöKo Leipzig 2026 |
Um Sensitivität und Spezifität der MS-Bildgebung zu verbessern, wurden die McDonald-Kriterien 2024 aktualisiert. Die Neuerungen erläuterte Cordula Scherlach, Uniklinikum Leipzig, beim Röntgenkongress 2026.
Nervus opticus als fünfte Lokalisation für räumliche Dissemination (DIS)
MS-typische Läsionen müssen an mindestens zwei unterschiedlichen Lokalisationen nachgewiesen werden, damit das Kriterium „Räumliche Dissemination“ erfüllt ist. Die bislang vier Lokalisationen waren periventrikulär, kortikal/juxtakortikal, infratentoriell und Rückenmark.
Nun kommt der N. opticus als fünfte mögliche Lokalisation hinzu. MS-typische Läsionen am N. opticus sind in der Regel unilateral und kurzstreckig. Gezielt untersucht wird der N. opticus aber nur dann, wenn der Patient / die Patientin sich mit einer entsprechenden Symptomatik vorstellt.
Nach Abklingen des akuten Prozesses sind die betroffenen Stellen des N. opticus oft atrophiert.
Nachweis der zeitlichen Dissemination (DIT) nicht mehr zwingend
Zum Erfüllen des Kriteriums „Zeitliche Dissemination“ galt bisher der Nachweis neuer Läsionen im zeitlichen Vergleich oder das Nebeneinander von Kontrasmittel anreichenden und nicht-anreichernden Läsionen.
Nun kommen neue Biomarker hinzu. Ist einer davon vorhanden, kann dies die bisherigen DIT-Nachweise ersetzen:
- Oligoklonale Banden (OKB)
- Freie Leichtketten Typ kappa (kFLC) – Dieser Liquormarker ist neu.
Er erlaubt einen einfachen, kostengünstigen und Befunder-unabhängigen Nachweis.
kFLC eignet sich auch als prognostischer Marker. - Positives Zentrales Venenzeichen (CVS) – es dient der Erhöhung der diagnostischen Sicherheit.
Spezielle bildgebende Marker CVS und PRL
Die speziellen Bildmarker erhöhen die diagnostische Sicherheit, sind aber für die Diagnose MS nicht zwingend. Sie sind sehr spezifisch, aber wenig sensitiv.
Zentrales Venenzeichen (CVS)
Das CVS ist schon im frühen MS-Stadium nachweisbar, auch bei RIS (radiologisch isoliertes Syndrom) und CIS (klinisch isoliertes Syndrom). Das CVS ist gekennzeichnet durch eine zentral in der Läsion gelegene hypointense Linie (< 2mm) oder einen Punkt in zwei Ebenen. Lokalisiert sind CVS meist periventrikulär oder im tiefen Marklager.
Damit das CVS positiv ist, müssen mindestens sechs Läsionen eine zentrale Vene zeigen (“SELECT 6“); bei weniger als zehn Läsionen muss das auf mehr als die Hälfte von ihnen zutreffen.
Um auch am 1,5T-Scanner bestmöglichen Kontrast zu erhalten, „geben sie das Kontrastmittel direkt vor oder sogar in die SWI-Akquisition hinein“, empfahl Scherlach.
Paramagnetische Ringläsion
Die Paramagnetische Ringläsion (PRL) kommt als spezieller bildgebender Marker hinzu. PRL sind chronisch aktive Läsionen mit einem inaktiven, nahezu myelinfreien Zentrum und einem Randsaum aktivierter, eisenbeladener Mikroglia.
Sichtbar werden sie in SWI-Phasenbildern als T2-hyperintense Läsionen. Fehlt eine Kontrastmittel-Sequenz, muss die Läsion ersatzweise in der vorausgegangenen MRT – Mindestabstand drei Monate – sichtbar gewesen sein.
Die PRL entwickelt sich Monate nach dem Auftreten einer Läsion. Sie hat eine sehr hohe Spezifität von 98% und ist „bei nahezu keiner anderen Erkrankung zu finden“, so Scherlach. Obendrein korreliert die PRL mit der Schwere der Erkrankung und dem Fortschreiten der Behinderung.
Diagnose-Kriterien in der Übersicht
Zahl der Regionen mit Herden | Typ: Klinik schubförmig oder progressiv | RIS oder andere nicht spezifische Präsentation |
|---|---|---|
4-5 | Diagnose möglich | Zusätzlich: |
2-3 | Zusätzlich: | Zusätzlich: |
1 | Zusätzlich Kombination von: | Keine Diagnose möglich |
0 | Keine Diagnose möglich | Keine Diagnose möglich |
Diagnosestellung bei Patient:innen über 50 Jahre oder mit Komorbiditäten
Um bei Patient:innen über 50 Jahren oder mit insbesondere vaskulären Komorbiditäten das Risiko von Fehldiagnosen zu verringern, sollte zur Diagnosestellung ein weiteres dieser Kriterien zusätzlich erfüllt sein:
- Spinale Läsion
- OKB oder fFLC
- Positives CVS
Untersuchungsprotokoll für die Erstdiagnose
Hirn | Rückenmark | N. opticus | |
|---|---|---|---|
Akquisition | bevorzugt 3D | 3D oder 2D | 3D oder 2D |
Schichtdicke | 3D: 1mm iso | Sag: ≤ 3mm, ohne Gap | ≤ 2-3mm, ohne Gap |
Sequenzen | FLAIR (3D) | Sag: T2/STIR/PD | Cor: T2 FS/STIR |
Fazit – Die wesentlichen Neuerungen im Überblick
- Nervus opticus als fünfte Lokalisation für räumliche Dissemination
- Nachweis der zeitlichen Dissemination nicht mehr zwingend
- Spezielle bildgebende Marker CVS und PRL
- Neuer Liquormarker kFLC
