
Gerade in urbanen Gebieten landet immer mehr Gadolinium und Iod im Trinkwasser. Radiolog:innen und Hersteller suchen und finden neue Wege, um diesen Eintrag zu stoppen.
Präsentationstag: | 14.5.2026 |
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Autor: | kf/ktg |
Sprecherin: | Susanne Engelbrecht-Schnür, Luckenwalde |
Quelle: | RöKo Leipzig 2026 |
Das Netzwerk Nachhaltigkeit@DRG lud auch beim RöKo 2026 wieder Radiolog:innen und Vertreter:innen der Industrie zum offenen Roundtable – diesmal primär zu den Auswirkungen von Kontrastmitteln auf die Qualität des Trinkwassers und zu Möglichkeiten, Iod und Gadolinium zurückzugewinnen, bevor sie im Trinkwasser landen.
Trinkwasser
Susanne Engelbrecht-Schnür, Luckenwalde, erklärte die Ursachen von Gadolinium und Iod im Trinkwasser anhand aktueller öffentlich zugänglicher Daten:
Kontrastmittel gelangen gewöhnlich über den Urin der Patient:innen unverändert ins Abwasser. Die aktuellen 3-Stufen-Kläranlagen können Gadoliniumchelate und Iod jedoch zu etwa 90% nicht entfernen. So gelangen die Substanzen in Flüsse und Seen.
Weil vor allem Metropolen ihr Trinkwasser aus ufernahen Brunnen gewinnen – sie enthalten eine Mischung aus filtriertem Grundwasser und gereinigtem Flusswasser (sogenanntes Uferfiltrat) – reichern sich mechanisch und biologisch nicht klärbare Stoffe wie Gadolinium und Iod im Trinkwasser an. In Berlin und Düsseldorf stammen bereits 85 bis 99 % des gemessenen Gadoliniums aus anthropogenen Quellen, und der Gehalt ist progredient.
Was tun?
Zwei grundsätzliche Wege sind denkbar:
1. Klärung aus dem Abwasser durch Kläranlagen und in Wasserwerken
Allerdings können auch Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe Gadolinium bisher nicht quantitativ abbauen oder adsorbieren – im Gegensatz zu Iod, das sich beispielsweise durch die Bindung an Aktivkohle entfernen lässt. Umkehrosmose und Membranfiltration/Nanofiltration in Verbindung mit Ozonung und Aktivkohle könnten hier perspektivisch Abhilfe schaffen.
2. Vermeidung des Eintrags ins Abwasser
Das Motto „Vermeidung geht vor Behandlung“ wird auch begünstigt durch die EU-Abfallrahmenrichtlinie mit ihrer erweiterten Herstellerverantwortung ab 2028: Pharmazeutische Unternehmen müssen dann mindestens 80 % der Kosten für die Sammlung, Behandlung und Beseitigung von Arzneimittelrückständen im kommunalen Abwasser finanzieren.
Was kann die Radiologie sofort tun?
Folgende Punkte nannte Engelbrecht-Schnür, mit denen die Radiologie nachhaltig handeln und das Trinkwasser schützen kann:
1. Green Teams: Aus ihrer Erfahrung sei es essentiell, dass die verschiedenen medizinischen Fächer und Personengruppen in „Green Teams“ zusammenarbeiten. In ihrem Haus sei die Einbindung der MTR und der Krankenhausapotheke zentral gewesen. Man müsse nur damit rechnen, viel zu kommunizieren, bis die Logistik geschmeidig ablaufe.
2. Choosing wisely: Man sollte hinterfragen, ob und welchen Zusatznutzen ein Kontrastmittel für die Diagnosestellung bringt. Gibt es keinen, sollte man es nicht nutzen – ein Beispiel ist die Vermeidung der oralen Kontrastierung in der Abdominal-CT.
3. Sammeln: Kontrastmittel soll weder in die Mülltonne noch ins Abwasser, sondern gesammelt werden. „Jeder Tropfen zählt“, betonte Engelbrecht-Schnür. Das bedeutet:
a) auch kleine Kontrastmittelreste aus Flaschen, Spritzen und Schläuchen in Sammelcontainer umzufüllen, um sie dem Recycling zuzuführen. Bayer gewinnt das Iod aus Kontrastmitteln bereits seit einigen Jahren in seinem Werk in Bergkamen zurück.
b) Urinauffangsysteme auf Patient:innentoiletten zu installieren. Ein Pilotprojekt an der Universität Ulm beschreitet diesen Weg bereits erfolgreich.
4. Nutzen der 3C-Leitlinie für Kontrastmitteleinsatz Control (Kontrollieren), Change (Verändern) und Combine (Kombinieren): Sie liefert eine Roadmap für den nachhaltigen Umgang mit Kontrastmitteln.
Praktische Tipps und Informationen
In der nachfolgenden Diskussion tauschten die Beteiligten des Round Tables praktische Informationen und Tipps aus:
- Oft ist noch Bodensatz in den Kontrastmittelflaschen – auch der sollte mit ins Recycling. An einer Institution haben sich die MTR ein Werkzeug selbst gebaut, um den Flaschenstopfen zu ziehen.
Man kann den Flascheninhalt in den Injektor-Kolben ziehen – viele Injektoren bieten die Option, den Kolben zu leeren. - Die Kontrastmittelreste in Glasflaschen mit Wasser auszuspülen wird seitens des Herstellers nicht empfohlen. Zum einen würde dies das Volumen der gesammelten Flüssigkeiten stark erhöhen, zum anderen besteht Verletzungsgefahr beim Entfernen der (fest sitzenden) Flaschenstopfen. Empfohlen wird die Entleerung der Flaschen über den Injektor.
- Behälter: Sollte der mitgelieferter Karton nicht mehr zur Verfügung stehen, ist darauf zu achten, den Ersatzkarton gut wasserdicht zu verpacken. Der Pfeil „upright“ muss (richtig) aufgeklebt werden.
- Wenn Mitarbeitenden zunächst wenig motiviert sind, hilft es, sich die Zeit zu nehmen, die Gründe für und den Ablauf des Recyclings zu erklären. Hier sind auch die Hersteller mit persönlicher Information und Informationsmaterial wie Broschüren oder Online-Videos gefragt.
- Wenn es keine direkten Ansprechpartner für das Recycling gibt, kann oft der Außendienst des Herstellers weiterhelfen.
- Eingesparte Iodmenge: Aus einzelnen Programmen sind europaweite Zahlen bekannt – demnach landen durch Sammlung und Recycling 90-100kg Iod pro „Radiologie-Kunde“ und Jahr nicht im Abwasser.
- Hersteller arbeiten bereits an Wasserfiltrationssystemen für Gadolinium.
- Kontrastmittel mit weniger Gadoliniumgehalt eine weitere Option: Das Niedrigdosis-MRT-KM Gadopiclenol ist seit 2023 zugelassen. Das noch niedriger dosierte MRT-KM Gadoquatrane ist derzeit noch im Zulassungsprozess.
Modellprojekt Universitätsklinikum Ulm
Die Radiologie am Universitätsklinikum Ulm hat mit ihrem Modellprojekt zum internen KM-Recycling als erste Radiologie in Deutschland echte Kreislaufwirtschaft im klinischen Alltag etabliert. Sie setzt ein Toilettensystem zur gezielten Filtration iodhaltiger Kontrastmittel ein. Aktuell lassen sich in der rund 70 von 100 Patient:innen motivieren, diese Urinauffangtoilette zu nutzen. In der Toilette wird Iod über Filter abgeschieden und in einem Tubus gesammelt, der für ungefähr 400 Toilettengänge reicht.
Ulm hat den Workflow darauf ausgerichtet: Die Patient:innen behalten ihren venösen Zugang noch 30 Minuten nach der Untersuchung und verbringen diese Zeit im Warteraum – was für den ersten Toilettengang normalerweise ausreicht (in der Regel etwa 20–30 % des Kontrastmittels innerhalb der ersten Stunde eliminiert). Die Auffangtoilette ist mit Pfeilen beschildert und untersuchungsnah.
Die Patient:innen erhalten die Information zu der Toilette bei der Anmeldung, im Warteraum hängt zudem ein Info-Poster. Außerdem steht im Warteraum ein Kaffeeautomat.
Über ein Funksignal kann die Abteilung nachvollziehen, wie viele Personen die Toilette tatsächlich nutzen.
Die Patientinnen nehmen das Projekt gut an: Die Erfahrung zeigt, dass Patient:innen über 50 Jahre eher mitmachen als jüngere – eine genaue Rate wurde im Gespräch nicht genannt.
